Kap Hoorn

 

Es muß im Süden gewesen sein. Irgendwo zwischen Australien und Chile. In einer Kneipe, deren Namen ich vergessen habe.

 

Bilder von alten längst verschollenen, untergegangenen oder abgewrackten Schiffen an den Wänden, Segelschiffen. Schmetterlinge, die über die Ozeane zogen in einer anderen Zeit.

Einfache Tische, Holz mit Riefen, Kerben und Einritzungen von Fahrensleuten und Trunkenbolden.

Gerahmte Gesichter an den Wänden, wie gegerbtes Leder, Pfeife rauchend, Blick in die Ferne. Melancholie und Müdigkeit spiegelt sich in den Bildern der Männer, die es, wie die Schiffe nicht mehr gibt.

 

Rauschwaden steigen über den Tischen auf und werden vom Deckenventilator zerhackt. Wie die Träume, die man ausspricht und die so niemals in Erfüllung gehen können.

 

Draußen blökt ein Typhon, dreimal kurz, mache Fahrt rückwärts, Fanggeschirre werden klariert, eine Barkasse legt ab und fährt irgendwo hin, ein paar Kutter an der Pier, weiter hinten ein Trawler mit russischer Flagge, ein japanischer Walfänger soll im Hafen sein, dann eine Fähre mit Ausflüglern und Touristen, Arbeiter kommen herein und Fischer, sie riechen nach Tran und nach Teer wie der ganze Hafen mit seinem Duft nach Meer und Tang und Öl und Brackwasser und Treibgut aus Holz, Blechdosen und kieloben schwimmenden Fischen. Möwengeschrei...

 

Am Nebentisch fallen Touristen ein wie Heuschrecken, deren papierener Raschelflug ohne Vorankündigung kommt und Unheil verkündet.

 

Falmouth V  ist nicht zurückgekommen, sagt einer der Fischer. Bei den Falklands. Kein Funkspruch. Nichts.

Für einen Augenblick verstummen die Gespräche und die Gedanken der Männer sind auf See.

 

Am Nebentisch krachen die Bierkrüge zusammen. Eine Hand legt sich auf meine Schulter.

Sind Sie auch Seemann fragt eine Frau, die mit ihrem Strohhut und geblümten Kleid seltsam fremd wirkt.

Wieso denn, sage ich und nach einer Weile Ja.

Aber das hört sie schon nicht mehr, weil meine Antwort im Lärm von Skol und Prost und Cheers verschwindet.

 

Kap Hoorn sagt irgendwann jemand, was heißt schon Kap Hoorn...

Vor vier Jahren, sagt eine ältere Dame, als mein Mann noch lebte, haben wir das auch gemacht. Kreuzfahrt, wissen Sie, lohnt sich aber nicht, Sauwetter, ein paar blöde Felsen da unten, sonst nichts, kahl, öde, nee, nicht noch einmal. Verlorene Zeit.

Und verlorene Leben, antworte ich, zehntausend, Hunderte von Schiffen...

Verständnislos schaut mich die Frau an. Sie versteht mich nicht.

Die Dame mit dem Strohhut legt ihre Hand wieder auf meine Schulter.