Magische Orte

 

Orte, die einen ganz besonderen Zauber entfalten, die einen in eine Stimmung versetzen, die – vielleicht nur für ein paar Augenblicke – das Gefühl geben, aufgehoben zu sein in der Natur, in der Welt, im ganzen Universum... Orte, an denen alle Sorgen und Nöte, alle Widrigkeiten des Lebens, alle Schwere des Daseins verschwinden.

Gibt es so etwas? Gibt es solche Orte?

 

Ich glaube schon. Aber es müssen nicht unbedingt Orte sein, die in den Reisebrevieren als „magisch“ beschrieben werden.Vielleicht sind es Orte, unscheinbar und belanglos auf den ersten Blick, vielleicht ist es die gesamte Situation, in der man sich befindet.

Haben Sie nicht auch schon solche Glücksmomente erlebt, man sitzt am Strand und die Sonne versinkt am Horizont, Wolken am Himmel reflektieren noch für einen Moment das Licht und dann beginnt die Nacht mit ihrer Stille oder mit ungewohnten Geräuschen...

 

Ich erinnere mich an einen Ort auf der Insel Hiddensee, unweit des Leuchtturmes, wo die Küste steil ins Meer fällt. Dornbusch heißt die Ecke der Insel. Ich hatte – verbotenerweise – mein Fahrrad hinter die Brombeerhecken bugsiert und ein kleines Zelt aufgeschlagen. (Freies Zelten ist auf Hiddensee nicht erlaubt.) Dunkle Wolken zogen über den Himmel und es begann zu regnen. Die Regentropfen prasselten auf mein Schneckenhaus und das Meer verschwand im Dunstschleier.

Plötzlich hörte der Regen auf. Das Land dampfte. Die Regenwolken wichen langsam den Sonnenstrahlen, die Lichtflecke auf das Wasser zauberten unter einem wunderschönen Regenbogen. Uferschwalben, die nur wenige Meter unter meinem Platz ihre Höhlen in den Sand gegraben hatten, flogen aus ihren Behausungen, segelten einen Moment aufs Meer und kamen, wie von Gummibändern gezogen, zurück. Ein vollkommenes Bild. Es war, als hielte die Welt für einen Augenblick den Atem an.

Ich habe mich noch nie so aufgehoben, so ruhig, so glücklich, zugleich mit einem Anflug von Traurigkeit, gefühlt, wie in diesem Moment. Ich hatte meinen Platz gefunden.

Ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt.

 

Dornbusch auf Hiddensee
Dornbusch auf Hiddensee

 

Solche Orte kann man nicht in voller Absicht suchen. Ich glaube, es ist unser Unterbewusstsein, das derartige Orte findet oder vielleicht umgekehrt: der Ort findet uns. Auf jeden Fall – und daran glaube ich - „weiß“ unser Unterbewusstsein wohl mehr von der Welt, als wir ahnen. Wir sollten uns darauf einlassen.

 

(In: Slow Travel – Die Kunst des Reisens beschreibt Dan Kieran auf eindrucksvolle Weise die Arbeit unseres Unterbewusstseins und seine überragende Bedeutung für´s Reisen. Erschienen bei Bogner & Bernhard)