Vom richtigen Leben

 

So lange ich denken kann, bin ich auf See gewesen. Im fünften Lebensjahr fand ich nach meiner Vertreibung vom Land eine neue Heimat im Meer. Ich kehrte, wie Seehunde und Pinguine, Wale und Delphine an den Ort meines Ursprunges zurück.

 

Ich bin auf vielen Schiffen gefahren, kenne Kümos und Frachter für schweres und für Stückgut, Bananendampfer, Walfänger, Trawler, Forschungs- und Fahrgastschiffe, Schnellboote und Fregatten. Aber am meisten faszinieren mich noch heute die Königinnen der Meere, die Windjammer, die die großen Weltmeere befuhren auf der Suche nach unbekannten Ländern und Passagen, die dem Stolz mancher Nation einen weiteren Glorienschein hinzufügen sollten.

 

Ich bin mit Teeclippern gereist und Gewürzschonern, mit Briggs und auf den majestätischen Barken und Vollschiffen, die Getreide auf der Hin- , Salpeter und Guano auf der Heimreise in ihren Laderäumen hatten.

 

Unzählige Male war ich im Rigg, kenne Stagen und Pardunen, Fußpferde und Wanten, Geitaue und Gordinge und noch viel mehr.

 

Ich habe Orkane erlebt, Havarien und Schiffsuntergänge, ich kenne die kalten Friedhöfe der Welt, wo Hunderte von Schiffen und Tausende von Menschen auf den Grund gesunken sind wie Blätter, die im Herbststurm von den Zweigen reißen.

 

Alle Meere habe ich befahren, die Namen der Kaps und der Meeresströmungen, die Namen der Häfen und Ankerplätze sind mir bekannt. Die höchsten Wellenberge erschrecken mich nicht mehr und ich weiß, wie unbarmherzig und grausam das Meer sein kann und wie betäubend schön und friedlich.

 

Ich erinnere mich an Sonnenuntergänge, die kein Maler malen kann, die so unbeschreiblich schön sind und jeden fast zu Tränen rühren: wie glühendes Metall, Gold, fließt die Sonne ins Meer, schiebt einen rotgoldenen Strahl bis ans Schiff und langsam erkaltet dann die Schmelze, wird dunkler und dunkler und das Meer ist wieder wie ein makelloser Spiegel, der die Gestirne reflektieren wird. Vergehen und Werden in einem einzigen Augenblick, Wimpernschlag  der Ewigkeit.

 

Unzählige Male habe ich in den Sternenhimmel gesehen, die Milchstraße, die Plejaden, das Kreuz des Südens Castor und Pollux waren meine Begleiter und der Gürtel des Orion wies mir den Weg von Ost nach West. Ich habe nach Wega und Denep gesteuert, habe gesehen, wie der Mond über der Kimm aufsteigt und Mars und Venus und war so  winzig und unbedeutend wie irgendeine Schaumflocke auf den Wellen am Anfang der Reise.

  

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